Selbstbegegnungs-Blog

"Michaela prallt an die Wand"

- Eine Geschichte zum Thema "Blockaden erkennen" - 

Sarah Nemelka - Juli 2020

Michaela war eine Frau Mitte 40 und hatte zwei Söhne (14 und 9 Jahre alt). Sie war eine lebendige Frau, unternehmungslustig und die meiste Zeit ihres Tages war sie damit beschäftigt, die Erziehung, ihren Job, die Partnerschaft und die Aufrechterhaltung der Freundschaften unter einen Hut zu bekommen. Sie hatte das Gefühl, sie hatte alles ganz gut im Griff, die Woche war gut geplant, für alle Bedürfnisse wurde ihrer Meinung nach gut gesorgt. Sie hätte das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu haben, da alles gut funktionierte. Es durfte halt nur nichts dazwischenkommen! 

Was könnte passieren? Zum Beispiel, dass ihr größerer Sohn nicht so mitmachen wollte, wie sie sich das vorstellte. Er war gerade dabei, selbst Bedürfnisse und eigene Ideen zu äußern, wollte immer etwas anderes und plötzlich verlor Michaela das Gefühl, alles im Griff zu haben. Sie merkte, dass sie sich mehr und mehr mit ihrem Sohn stritt, rastete jedes Mal aus, hatte Wutanfälle und schrie, auch wenn sie das gar nicht wollte:  So hatte sie sich noch nicht erlebt und das machte ihr wirklich Angst. 

Ihre Gefühlswelt kam so durcheinander bei diesen Streitereien, sie verlor die Beherrschung und die Kontrolle, die ihr doch sonst so gut behilflich waren! In diesen Situationen konnte sie nicht mehr klar denken. Auch wenn sie sich jeweils nach dem letzten Streit vornahm, nicht mehr so zu reagieren:  Es war wie ein Sog, wie ein Automatismus, sie verlor immer wieder die Kontrolle. 

In dieser Situation steckte sie fest, es änderte sich scheinbar nichts mehr: im Gegenteil es schien täglich mehr zu eskalieren und sie merkte, dass in ihr etwas wirkt, das sie nicht kontrollieren konnte. Sie konnte sich ihr Verhalten selbst nicht erklären, was ihr wirklich Angst machte. 

Und plötzlich formte sich in ihr eine Frage. Die Frage, warum sie sich selbst eigentlich so verhielt. Warum? Es formulierte sich in ihr eine Frage und sie sprach diese Frage laut für sich aus: „Warum drehe ich im Streit mit meinem Sohn so durch?“. Ja das war es! Sie bemerkte immer mehr, dass sie sich das selbst nicht erklären konnte, dabei war sie es doch selbst. Sie war bis jetzt in dem Glauben gewesen, dass sie über sich ganz gut Bescheid wisse, sie hatte viel über sich nachgedacht, doch nun merkte sie, dass da noch anderen Ebenen waren, von denen sie keine Ahnung hatte!

Bis jetzt hatte sie sich mit den Anderen beschäftigt, doch nun weckte sich Neugierde in ihr, sie wollte mehr über sich herausfinden. Natürlich war ihr auch mulmig bei dem Gedanken, dass sie da vielleicht etwas von sich erfahren würde, was sie nicht wissen wollte. Aber da die Situation so unerträglich war, entschied sie sich, ihrer Frage auf den Grund zu gehen.

 „Warum drehe ich beim Streit mit meinem Sohn so durch?“. Immer wieder stellte sie sich selbst die Frage und merkte, dass allein kurz bei sich inne zu halten, neu für sie war. 

Sie konnte sich nun von einer anderen Position betrachten, sie war in einer Beobachter- Position und konnte aus dieser Perspektive erkennen, dass bei diesem Thema etwas ganz tief verborgen, unbewusst, vergraben lag, was anscheinend im Streit mit ihrem Sohn ausgelöst wurde.


Sie hatte von dieser Aufstellungsmethode nach dem Anliegensatz gehört, bei dem man eine Frage oder Satz bildet und dieses Thema mit Begleitung in einer Sitzung anschauen und bearbeiten kann. Bis jetzt konnte sie sich nicht vorstellen, warum man das machen sollte, warum sie einen anderen Menschen brauchen sollte, um ihre Dinge zu lösen, sie hatte doch immer alles selbst geschafft. Doch nun fand sie es ansprechend. Gerade das Setting, dass es möglich war, sich einem Thema auf einer anderen Ebene zu nähern, ohne einen längeren Therapieprozess anzufangen, bei dem sie wöchentlich zu einer Sitzung musste. 

Sie hatte nun so einen Satz und war bereit, herauszufinden, was sie im Kontakt mit ihrem Sohn so behinderte und blockierte. Sie rief bei der Psychologin Sarah Nemelka an und machte einen Termin für ein telefonisches Vorgespräch aus. Der erste Schritt war getan und es fühlte sich gut an. Sie begann für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Die Panik vor dem Virus

Sarah Nemelka - März 2020

Viel ist derzeit zu lesen über das Coronavirus und der Panik davor. Manche halten Hamsterkäufe, Reisewarnungen und Schulschließungen für übertrieben oder gar für lächerlich. Doch das trifft es nicht ganz: Menschen die Angst haben und sich, wie diffus und teilweise auch egoistisch sie sich zu schützen versuchen, wollen erst einmal nur eines:
ihr Überleben sichern. 

Grundsätzlich ist Angst sinnvoll für Menschen und auch, dass diese Furcht z.B. innerhalb einer “Herde” ansteckend ist und zu Panik wird. Denn so sind alle immer auf dem gleichen Stand, woher die Gefahr droht und können entsprechend reagieren.

Nun also die Angst vor einem Virus:  Ist diese Gefahr wirklich oder wird ein Angstgefühl ausgelöst, das eigentlich von altem Erlebten stammt? 

Was steckt hinter dieser Angst eigentlich konkret? Erst einmal viele Nachrichten und die Tatsache, dass wir es mit etwas bisher Unbekanntem zu tun haben. Denn: Ungewissheit befeuert unsere Angst, da wir nicht einschätzen können, ob es nun gefährlich ist oder nicht. Diese ungewissen Ängste sind meist eine Mischung aus Angst vor dem Tod, vor einem Verlust, vor Liebesentzug, vor dem Nicht-Dazugehören! Das eine oder andere Thema kennt jeder von uns wahrscheinlich nur zu gut. Und: Ungewissheit löst in uns ein Gefühl von Unkontrollierbarkeit aus und damit ein Gefühl von Hilflosigkeit.

Nun empfinden wir Viren an sich schon als unsichtbare Gefahr, da setzt der Corona Virus dem Ganzen noch die Krone auf, in dem am Anfang der Berichterstattung meist nur von einem „Killervirus“ die Rede war, also dem Virus, der zum Tode führt. Kaum war der Dorn der Angst in uns gesät, war es schwierig, dieser Angst Herr zu werden, da wir nun nicht mehr unterscheiden konnten: gibt es jetzt eine echte Gefahr oder wird ein altes Angstgefühl wieder getriggert? 

Fühlt sich das nicht an wie ein frühkindlicher Kontrollverlust, wenn wir etwas Übermächtigem hilflos ausgeliefert sind? Übersprungshandlungen wie das Horten von Klopapier bieten leider wenig echten Schutz gegen Corona. Sie sind eher ein Versuch aus der kindlichen Ohnmacht heraus zu agieren, „groß statt klein“ zu sein und scheinbar selbstbestimmt das Geschehen in die Hand zu nehmen. Der Hilflosigkeit etwas entgegensetzen.

Wir wiedererleben in der jetzigen Situation Traumagefühle aus der Kindheit. Dass das mit einem Virus, der uns von einem westchinesischen Lebendtiermarkt über Norditalien kommend, seit ein paar Wochen meist lediglich medial verfolgt, in der Realität aber zum Glück gar nicht so nah ist, dürfte uns instinktiv allen klar sein: Wir leben in den mit Abstand sichersten Zeiten überhaupt und können es uns – in der großen Mehrheit - leisten 24/7 an unseren Überlebensstrategien oder genauer gesagt: „Am Erhalt und der Pflege unserer Strategien zur Verdrängung des Gefühls einer frühkindlichen Verlassenheit“ zu arbeiten.

Fragen wir uns doch einmal alle vor unseren nächsten Übersprungshandlungen: Handle ich aus einer aktuellen Gefahr heraus oder sitzt dieses Angstgefühl tief in mir von früher und bestimmt mich heute noch immer?

Ich hoffe es werden sich in den nächsten Wochen bzw. so lange uns dieses Virus noch beschäftigt ein paar mehr Menschen klar werden, wie kindliche Ohnmacht, Traumaerlebnisse und gefühlte Verlassenheit unsere Handlungen bis heute bestimmen und wir trotzdem immer ausreichend Toilettenpapier im Haus haben.

Prüft nach und bleibt gesund!

Beziehungsarbeit - Was ist das?

von Sarah Nemelka - Februar 2020

Beziehung, Nemelka, Therapie, Anliegenmethode

Ich habe mich lange gefragt, wie ich meine Arbeit in kurzen Worten beschreiben und treffend erklären kann. Mit wem arbeite ich und was ist mein Schwerpunkt?
Mit der von mir verwendeten Aufstellungsmethode mit dem Anliegensatz arbeite ich mit Menschen, die körperlich erkrankt sind, die psychische Probleme haben, die Schwierigkeiten im Job haben oder die in der Partnerschaft unglücklich sind oder keine haben.
Was ist also das Kernthema, das immer wieder auftaucht?
 
Das Oberthema, das für mich über allem steht ist: Probleme auf der BEZIEHUNGSEBENE! Egal welche Themen uns aktuell in unserem Leben beeinträchtigen oder stolpern lassen, wir sind immer auf der Beziehungsebene gefordert. Unsere erste Beziehungserfahrung machen wir, wenn wir auf die Welt kommen. Unsere Mutter ist und bleibt unsere erste Bindungsperson und der Kontakt und die Art und Weise, mit der unsere Mutter uns begegnet ist, ist der Grundstein für unsere Beziehungsfähigkeit.
Somit ist immer die grundlegende Frage: WAS haben wir erlebt und WIE haben wir es erlebt?
 
Ich gebe Dir ein Beispiel: Wie fühlt sich für dich Nähe an? Willst Du am liebsten immer ganz nah mit anderen sein (vielleicht auch manchmal zu nah, so dass Du dich selbst dann gar nicht mehr so gut wahrnehmen kannst?). Oder brauchst Du eher lange um Nähe überhaupt zulassen zu können, da sie für dich körperlich mehr Stress erzeugt?
Dies ist für uns alle unterschiedlich und wenn wir uns darüber bewußt werden, welche Beziehungserfahrungen wir wirklich gemacht haben, können wir auch neue und bisher unbekannte Formen neu erlernen und zulassen und können Beziehungen, egal zu wem oder was, unabhängiger und selbstbestimmer leben!

Du kannst Dich selbst fragen: in welchen Beziehungen fühle ich mich wohl und in welchen nicht! Warum fallen Dir manche leichter als andere? 

Trauma und Umweltschutz

von Sarah Nemelka - September 2019

Heute habe ich in einem Beitrag einer Umweltschutzinitiative gelesen: "Die mangelhafte Umsetzung von Umweltschutz hat psychologische Faktoren". Ähm, ja, ist irgendwie logisch, aber wie hängt das zusammen? Das Argument: wir würden die Klimakrise nicht ernst nehmen, da wir so weit davon entfernt sind. Aber liegt es wirklich daran?
In meiner Praxis merke ich immer wieder, wie weit die Menschen von sich Selbst und ihrem eigenen Körper entfernt sind, wie es eine Spaltung zwischen Körper und Gefühlen gibt.

Ein kleiner Exkurs über Spaltung:
Eine Spaltung entsteht als psychische Notfallreaktion, wenn wir uns in einer großen Notlage befinden, also einer Situation, die für uns so überfordernd ist, dass wir als Überlebensfunktion unsere Gefühle abspalten müssen, um nichts mehr zu spüren. Dies ist für uns überlebensnotwendig, da sonst der Körper überreagieren würde und die Situation uns selbst schaden würde. Die abgespaltenen psychischen Anteile bleiben teilweise unser ganzes Leben abgespalten, dirigieren unbewußt unsere Verhaltensweisen und überraschen uns vor allem in Stresssituationen.
Nur wenn wir uns die Situation nochmal in Erinnerung rufen und in uns integrieren, kann es uns gelingen, die abgespalteten Puzzleteile wieder zusammenfügen und so eine Ich-Identität zu entwickeln.
Diese abgespaltenen Gefühle werden im Körper gespeichert. Kommen wir mit unserem Körper in Kontakt, dann kann es leicht sein, dass wir auch die Gefühle der traumatischen Situation wieder spüren. Um dies zu vermeiden, setzten Überlebensstrategien ein, die uns davor beschützen, alte Gefühle nochmal zu spüren, weil diese ja mal lebensbedrohlich waren. Früher waren diese Überlebensanteile sinnvoll, heute ist der Preis für das "Nichtspüren" der, dass wir Teile unseres Körper also auch nicht spüren und uns selbst nicht spüren können  bzw. dürfen.

Was hat das mit Umweltschutz zu tun?
Unser Körper ist wie eine kleine Umwelt für uns, das, was jeden von uns umgibt. Wie gerade beschrieben, gehen wir mit diesem Körper nicht besonders gut um. Wir trinken Alkohol, Rauchen, Essen zu viel oder zu wenig, wollen ihn verändern mit Sport, Diäten oder Tatoos. Wie schwer fällt es uns, für uns selbst Verantwortung zu übernehmen: Für uns selbst, also für unsere kleine Umwelt? Wir sind in unserem Überlebensmodus so beschäftigt: Etwa um unsere Ausbildung, Karriere, Kinder, Familie und Beziehungen zu schaffen. Darüber vernachlässigen wir uns selbst oft am allermeisten. Wie können wir also für die große Erde Verantwortung übernehmen, wenn wir es noch nicht mal bei uns selbst können?
Wie oft höre ich den Satz: "Ich müsste mal mehr Sport machen", "Ich müsste mal wieder etwas unternehmen mit meinem Kind/Partner/Freund" oder "Warum bin ich eigentlich schon wieder krank?". Wenn wir es noch nicht mal schaffen, wichtige Beziehungen zu uns selbst und zu anderen zu pflegen, wie sollen wir uns dann wirklich verändernde Gedanken zu Umweltschutz und unserem Konsumverhalten machen? Da sagen wir dann genauso: "Ich sollte mal ohne Plastik einkaufen" oder "Ich sollte nicht so viel mit dem Auto fahren, aber ich muss ja wegen der Kinder/Arbeit"...

Wir müssen bei bzw. in uns selbst anfangen, zu sehen und zu fühlen, was wir in unserem Leben erlebt haben und wie es uns damit WIRKLICH ging. Wenn wir das machen, dann können wir uns eingestehen, dass wir in unserem Alltag vor allem damit beschäftigt sind, den Anforderungen gerecht zu werden und dem Abarbeiten von To DO Listen hinterherhecheln. Für unsere Wünsche und Raum für uns Selbst ist dabei meist keine Zeit mehr.

Für eine bessere Zukunft brauchen wir eine ehrliche Betrachtung der Dinge ohne etwas schönzureden oder zu verherrlichen.
Sowohl bei uns, wie auch bei der Umwelt.
Dann können wir uns und unsere Erde verändern!